Rilke 2.0

Kaum jemand war so getrieben von der Suche nach dem Ort wie Rainer Maria Rilke. Seine Vorstellung, dass sein Lebenswerk erst an dem für ihn stimmigen Ort erfüllt werden kann, führte ihn in den späten Lebensjahren in und durch die Schweiz. Noch vom Château de Muzot aus, oberhalb von Sierre im Wallis gelegen, wo er sich 1921 niederlassen kann, unternimmt er zahlreiche Expeditionen und Reisen. Im Dezember 1922 schreibt er dort an Ilse Jahr: «Wer weiß, wer ich bin? ich wandle und wandle mich.»

Das Wandeln – im Sinne von Bewegung wie von Veränderung – erinnert an ein Lebensprinzip, das uns heute in einer unruhigen Welt aktueller denn je mit dem grossen Lyriker verbindet. Seine genaue Wahrnehmung schwankt zwischen Schönheit, Zerfall, Vergänglichkeit und Grösse. Er erkundet die Sprengkraft der Poesie, welche auf die Erfahrung des Alltäglichen und Flüchtigen, auf die existentiellen Fragen des Werdens und Vergehens keine fertige Antwort gibt, aber für sie einen Ausdruck findet, der bis heute nichts von seiner Tragweite verloren hat.

Äußere und innere Verhältnisse setzt Rilke in Beziehung. Bekannt geworden sind die Landschaftsschilderungen in seinem umfangreichen Briefwerk, ebenso seine Landschaftsbezüge in der Dichtung. Zweifellos ist unser heutiges Verständnis von Landschaft von Rilke beeinflusst. Orte wie Soglio, Winterthur/Berg am Irchel, Locarno/Ascona, Sierre/Muzot/Raron tragen seine Spuren. Orte und Landschaften werden zu einem Weltenraum. Als durch und durch untouristischer Reisender erweitert Rilke unsere Sicht auf den Raum, auf Stadt und Landschaft, auf Weite und Enge.

Andrerseits ist sein Einfluss auf die moderne und zeitgenössische Musik, die Literatur und den ästhetischen Blick auf die Landschaft ungebrochen. Rilkes Gedichte fordern heraus: «Du musst dein Leben ändern». Die Berührung des Schönen bringt uns dazu, umsorgend zu handeln. Doch kann Poesie die Welt und uns verändern? Wie nehmen Komponist:innen und Autor:innen der Gegenwart Rilkes Impulse auf?

Das Pilgern

Rilkes Reisen durch die Schweiz in den Jahren 1919–1926 waren keine touristische Grand Tour. Es war eine Bewegung im langsamen Suchmodus in der Erwartung seines literarischen Sturms im Frühjahr 1922 und der Unabwendbarkeit seines tragischen Endes. Wir lassen diese Bewegung in vier Etappen erlebbar werden, eingehüllt in ungewohnte und mehrschichtige künstlerische und thematisch aktuelle Zugänge. Die Teilnehmenden werden zu Pilgernden mit unbestimmtem Ziel. Die Wegstrecke wird zu einer äusseren und inneren Reise, beginnend in Soglio und endend in Raron. Wie sehen wir mit Rilke und mit der Poesie von heute diese Orte? Wie hat sich der Blick auf die Landschaft seither verändert?

Das Programm

Die vier Pilger-Etappen sehen Spaziergänge an den bedeutungsvollen Orten des Schaffens und Reflektierens von Rilke in der Schweiz vor. Begleitet sind die Spaziergänge von Interventionen literarischer, musikalischer, schauspielerischer und allgemein künstlerischer und landschaftsästhetischer Art. Die Lesungen umfassen Gedichte und Brieftexte von Rilke, aber auch von zeitgenössischen Autoren wie Paul Valéry und Robert Musil, sowie von jungen Gegenwartsautor*innen. Die Uraufführungen und Inszenierungen sind eigens für diese Anlässe konzipiert worden. Die räumlichen Installationen mit Texten (Versen, Briefausschnitten) von Rilke werden im Land-Art-Stil und in ephemerer Weise verfasst. Für das Programm wurde eigens ein musikalisches Ensemble (Ensemble Rainer Maria Rilke) mit jungen Berufsmusiker*innen zusammengestellt. Für die Uraufführungen konnten die Schweizer Komponistinnen und Komponisten Beat Furrer, Daniel Glaus und Claire-Mélanie Sinnhuber beauftragt werden, die das Gedicht An die Musik in jeweils eigene musikalische Interpretationen umsetzen. Eine weitere Uraufführung erfolgt von Mario Pagliarani zu Textfragmenten von Rilke zur Landschaft.

Die Spaziergänge werden literarisch und auch fotografisch und filmisch aufgearbeitet; 4 kurze Libretti in 3 Sprachen verbinden sich zu einem Memorandum.

Das musikalische Projekt

Das musikalische Projekt basiert vollständig auf Kompositionen, die auf unterschiedliche Weise von der Person und dem Werk Rilkes inspiriert sind. Es sind fünf Uraufführungen von fünf Schweizer Komponisten vorgesehen. Claire Mélanie Sinnhuber, Daniel Glaus, Beat Furrer und Michael Jarrell wurden gebeten, Rilkes Gedicht An die Musik so essenziell wie möglich zu vertonen, nämlich mit einer einzigen Frauenstimme. Auf jeder Etappe der Reise mit Rilke durch die Schweiz kommt eine neue musikalische Version von «An die Musik» hinzu, bis man sie auf der letzten Etappe im Wallis alle zusammen hören kann. Zu diesen Uraufführungen gesellt sich eine neue Komposition von Mario Pagliarani für Männerstimme und Ensemble, die auf Fragmenten aus Briefen basiert, in denen Rilke die Landschaften der Schweiz beschreibt.

Rilke ist der Urheber eines der Meisterwerke von Luigi Nono: «Das atmende Klarsein» für Bassflöte, acht Stimmen und Live-Elektronik, in dem einige Fragmente der siebten Duineser Elegie gesungen werden. Die Aufführung von «Das atmende Klarsein», das den Beginn der letzten und visionärsten Schaffensphase des venezianischen Komponisten markiert und aus der Zusammenarbeit mit dem Philosophen Massimo Cacciari hervorgegangen ist, wird umrahmt von einer Komposition für Bassflöte von Stefano Scodanibbio, einem langjährigen Mitarbeiter Nonos, und einer Vokalkomposition aus dem 16. Jahrhundert, die auf Nonos Liebe zur Polyphonie der Renaissance verweist.

Das Film-Opernwerk «Mitsou» für vier Stimmen und sieben Instrumente der Komponistin Claire Mélanie Sinnhuber und des Filmemachers Jean-Charles Fitoussi ist eine echte Neuheit: Zum ersten Mal werden die Schauspieler:innen eines Films live von Sänger:innen „synchronisiert“. Mitsou erzählt die wahre Geschichte der Freundschaft zwischen dem fast fünfzigjährigen Rilke und einem Jungen namens Balthasar – dem Sohn der Malerin Baladine Klossowska, Rilkes letzter Lebensgefährtin –, der später zum berühmten Maler Balthus wurde. Eine sehr poetische Geschichte, die sich um die Figur einer Katze – eben Mitsou – dreht und auch einem jüngeren Publikum die Musik von heute näherbringt. Der Film wurde in der Schweiz und insbesondere im Wallis gedreht.

Die Gedichte von Rilke, vertont von Alma Mahler, Alban Berg, Anton Webern, Paul Hindemith, Morton Feldmann und Stefano Gervasoni, zeichnen einen Weg durch die Musik des 20. Jahrhunderts nach. Zu dieser Musik gesellt sich eine Komposition von Friedrich Nietzsche, «Gebet an das Leben», nach einem Text von Lou von Salomé, als Hommage an die Frau, die Rilkes erste große Liebe war und der er sein ganzes Leben lang verbunden blieb.

Besonders bewegend ist das Melodram für Sprechstimme und Klavier «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke», die letzte Komposition von Viktor Ullmann, die er im Konzentrationslager Theresienstadt schrieb, bevor er in den Gaskammern von Auschwitz ums Leben kam.

Rilkes Weg kreuzt den einer ebenso bedeutenden wie vernachlässigten Persönlichkeit der Musik zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert: dem Komponisten und Pianisten Ferruccio Busoni. Die beiden lernten sich dank der Pianistin Magda von Hattingberg kennen, Rilkes Lebensgefährtin und Busonis Schülerin. Um an diese Freundschaft zu erinnern, fiel die Wahl auf selten zu hörende Stücke: zwei der sieben Elegien von Busoni, deren Titel auf die Duineser Elegien von Rilke verweist. Für das Programm wurde eigens ein musikalisches Ensemble (Ensemble Rainer Maria Rilke) mit jungen Berufsmusiker*innen zusammengestellt, zu denen sich Solisten von internationalem Ruf sowie das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble SoloVoices aus Basel gesellen.